Creative Commons – Die Reinkarnation der Musikwirtschaft?

Die Musikwirtschaft wurde seit ihrer Entstehung schon einige Male in die Knie gezwungen. Mit jeder neuen Technologie am Musikmarkt öffneten sich neue Türen um Musik zu verbrei- ten, zu konsumieren und zu vermarkten – und eines hat uns die Geschichte bereits gelehrt: Ist erst einmal ein wirtschaftlicher Aspekt im Spiel, beginnen die Probleme förmlich zu sprießen. Seit dem Durchbruch des Internets bzw. des WorldWideWebs befindet sich die Musikindustrie in einer noch nie dagewesenen Krise. Denn Musik wird seither immer mehr als freies Allgemeingut gesehen, dessen Konsum und Besitz keinen monetären Wert mehr hat. Creative Commons scheint nun ein möglicher Ausweg aus dieser Misere zu sein. Doch was ist die Idee hinter Creative Commons Lizenzen?

Gefördert wurde diese Ideologie durch die Entwicklung des MP3-Formates und illegaler Tauschbörsen. Prototyp und Initialzünder für alle darauffolgenden Portale war Napster, das 1999 von einem 17-jährigen College-Abgänger entwickelt wurde. Obwohl Napster 2002 durch ein Gerichtsverfahren in den Bankrott gezwungen wurde, gleicht die Verbreitung solcher Portale seitdem förmlich einer mythologischen Hydra: Besiegt man einen Kopf, wachsen an dessen Stelle drei neue nach. Diese illegalen Plattformen hatten zu Hochzeiten 70 Millionen Nutzer, wobei jeden Monat rund 2,7 Milliarden Musikdateien getauscht wurden.

Woher kommt der Name Napster?
Der Entwickler Shawn Fanning nahm gern kurze Schläfchen (Nap). Sein Programm taufte er deshalb Napster. Fälschlich könnte man auch folgende Namensherkunft vermuten:
National Association Of Pirates Stealing Tunes & Evading Royaltys 😉

Seither ist man bemüht diese Krise in den Griff zu bekommen. Man scheitert aber immer wieder am medialen Druck der Masse, da appelliert wird, dass das Internet eine freie Plattform sei, auf der keine Einschränkungen gemacht werden dürfen. Nun stellt sich die Frage, ob der einzige Ausweg nicht darin besteht, die Vermarktungsstrategie der Musikwirtschaft zu ändern. Das heißt, die Musiktitel selbst wären kein Produkt mehr, sondern vielmehr das Mittel um „alles drum herum“ – sprich Merchandise Produkte, CDs, Auftritte bzw. die Band selbst zu vermarkten. Die Grundidee für dieses Modell: Creative Commons. Creative Commons ist eine Lizenz, die dem Urheber über die Nutzung seiner Werke Entscheidungsfreiheit einräumt. Das heißt, es erlaubt die Weitergabe des Werkes sowie eine nichtkommerzielle Nutzung in anderen Medien. Somit zeigt dieses Lizenzsystem sofort die erste Hürde auf: Komponisten oder Produzenten, die bislang von Verwertungsrechten gelebt haben, schauen in diesem System durch die Fingern. Dadurch, dass die nichtkommerzielle Weitergabe der Musiktitel erlaubt ist, lässt sich der Hauptanteil der Einnahmen auch nicht durch Musikverkäufe erzielen.

Merchandise-Shops sind das neue iTunes.

Durch diese Tatsachen müssen die Musiktitel nicht als Produkt sondern als Werbemittel betrachtet werden, das dazu dient, die Gesamtheit der zugehörigen Artikel zu bewerben, mit denen letztendlich monetarisiert werden kann. Dies umfasst auf physikalischer Ebene Merchandise-Artikel, Konzerte oder Vinyls/CDs (z.B. eine Limited Edition, mit Bonus Content). Deshalb sollte ein Label, das mit einer CC-Lizenz arbeitet und auf die Dauer am Markt bestehen will, auf einen 360 Grad Vertrag mit Künstlern setzen. Ein ebensolcher Vertrag beteiligt die Plattenfirma an sämtlichen Einnahmen des Künstlers und sorgt als Gegenleistung für dessen Vermarktung, mediale Präsenz, Vertrieb von Merchandise, Rechteauswertung und Tantiemen.

Ist Spotify doch ein Retter in der Not?
Der IFPI Jahresbericht des Jahres 2017 zeigt, dass über 85% aller Spotify Abonnenten keine Musik mehr illegal downloaden! Ob Not oder Elend sei dahin gestellt, immerhin ist dies legal.

Terry McBride, der CEO des größten kanadischen Independent-Labels hat diesen Wandel der Zeit offensichtlich früh genug erkannt und setzt schon seit Jahren auf diese Strategie. Er selbst bezeichnet sein Unternehmen nicht mehr als Label sondern als Music Company, da sie sich um alles kümmert was sich vermarkten oder verkaufen lässt. Somit resultiert im Idealfall eine Synergie zwischen Plattenfirma und Künstler, die Musik als Marketingprodukt betrachtet. Künstler können ihren Bekanntheitsgrad und ihre Beziehung zu Fans stärken, denn durch die legale unentgeltliche Weitergabe verbreitet sich die Musik schneller und erhöht die Reichweite ungemein. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Kaufkraft der Fans dadurch gesteigert wird, weil sie das „Grundprodukt“ – also die Musik – legal und unentgeltlich bekommen haben und den Künstler aus eigenem Willen durch Kauf von Merchandise-Artikeln oder Limited-CDs/LPs fördern wollen.

Eine Lizenz für Medien!
Nicht nur Musik kann man unter die Creative Commons Lizenz stellen. CC gilt auch für Texte, Bilder oder sogar Videos.

NoCopyrightSounds (NCS) macht’s vor.

Dass Creative Commons Lizenzen einen Künstler zu einem weltweit bekannten Artist machen können, wurde spätestens durch Alan Walker im Jahr 2016 bewiesen. Der 1997 geborene Norweger produziert seit 2014 aktiv Musik. Da es bei diversen Plattenfirmen nicht geklappt hat brachte er seine Tracks beim britischen Label NoCopyrightSounds (bekannt als NCS), das seit jeher auf die Creative Commons Lizenz setzt, heraus. Alan Walker’s Instrumental-Track „Fade“ (Video weiter unten) wurde durch diverse YouTube Content Creator, die das Lied als Intro, Outro oder Hintergrund-Musik einsetzten, viral, sodass man beschloss, eine kommerzielle und massentaugliche Vocal-Version aus dem Instrumental-Titel zu produzieren. Diese schlug weltweit ein und belegte wochenlang fast weltweit einen Top 10 Platz in den Charts. Alan Walker nutzte dies als Sprungbrett. Obwohl sich – subjektiv betrachtet – sein Sound nicht großartig geändert hat, landet er nach wie vor in den Charts zahlreicher Länder. Dies gibt eindeutigen Aufschluss darüber, dass Creative Commons ein möglicher Weg ist, Musik in der breiten Masse bekannt zu machen. Zwar mag Alan Walker um einige digitale Verkaufserlöse umgefallen sein, jedoch hätte er den Sprung ohne den Creative Commons Gedanken nicht geschafft.

Tatsächlich lässt sich außer diesem Beispiel nicht sonderlich viel über die CC-Lizenz als Vermarktungsmodell in der Praxis berichten. Erst eine Handvoll Labels bestreitet diesen alternativen Weg der Musikwirtschaft. Jedoch nimmt die Relevanz des Copyrights stetig zu und man hat das Gefühl, dass sich auch das Bewusstsein der Leute in eine positive Richtung zu bewegen scheint. Die Musikindustrie befindet sich zwar in einem Wandel, dennoch strebt sie einen Weg Richtung Creative Commons noch nicht an. Erst die Zeit wird zeigen, ob ein Vermarktungsmodell mit der CC-Lizenz wirklich wirtschaftlich ist.

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